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Simon Croll

 
 

Lothar Lebens-Künstler


Ein graues A4-Blatt flattert am Eingang zum alten Lagerhaus im Rheinauhafen: Lothar, 3. Stock rechts. Darunter ein Krakelpfeil nach links.

Lothar wird heute seine Mona Lisa verkaufen.

Einmal im Jahr öffnen die Künstler der Region ihre Ateliers für Neugierige. Der Gang in den Keller liegt näher als der unters Dach. Auf den Treppenstufen hinab kämpfen Teelichter tapfer gegen den nassen Herbstwind und weisen den Weg, vorbei an Brandschutztüren und Installationskanälen. Die Künstler haben sich rührend Mühe gegeben, der alptraumhaften Industriekulisse mit gedeckten Farben das Kafkaeske zu nehmen, aber ihrer waren zu wenige: Ein Stückchen Decke in Blau, ein paar Meter Rohr in mattem Gelb. Als die Kräfte sie verließen, griffen sie zur Spraydose: Haste mal Rot?
Nee, aber Schwarz ist noch jede Menge.
(Grafittis machen alles nur noch schlimmer. )
Im Keller hat sich weiß durchgesetzt. Der Raum hat sicher 400 Quadratmeter. Die Decke wird von 18 Vierkantsäulen getragen. Mittendrin ein stapelbarer Stuhl, darauf ein Radiorecorder. Man spielt Benny Goodman. Eine Installation? Die Kunst hängt an den Seiten, links Sylvia, rechts Liane. Die Künstlerinnen haben sich mit ihren Familien in eine Ecke zurückgezogen und tafeln mit spitzen Fingern an zusammengestellten, stapelbaren Tischen. Ein Bild wie aus der Campagna, wie von Monet gemalt - allerdings: unter Neon und in reinem Schwarzweiß. Nur die Kinder tragen Farben, kümmern sich um die Teelichter.

Lothar teilt sich ein Dachatelier mit Benno. Er nennt es Unteratelier. Die Stromkosten werden auf alle Mieter umgelegt. Man merkt es daran, daß alleweil das Licht im Treppenhaus sich abschaltet und man nur mit ganz kleinen Schritten zum nächsten Glimmlämpchen gelangt. Manchmal fehlt eine Außenwand, dann fällt Licht vom Hafen herein. Zumindest so viel, daß man nicht unversehens ins schwarzglänzende Beckenwasser klatscht. Unterwegs, irgendwo im 2. Stock, Hammerschläge auf Metall. Regelmäßig. Hier müssen Skulpturen entstehen! Ich taste mich durch den Flurparcours, sehe einen jungen Mann, der immer wieder auf den Rahmen einer Brandschutztür drischt. Dann schließt er die Tür von außen und brüllt hindurch: Drück mal dagegen!
Von drinnen dröhnt's elektronisch, drückt's aber nicht. Nun drück schon, Idiot!
Keine Skulpturen. Ich gebe etwas zu laut die Parole aus: Heraus zum Tag der offenen Tür!
Ich kann dem Hammer gerade noch ausweichen.
Hier gibtet nischt zum Kucken. Wir proben. Und jetz drück doch, du blöder Hund. -

Lothar ist echt überrascht.
"Wir sind noch gar nicht fertig. Aber kommt doch rein." Tatsächlich sind wir jetzt zu dritt, ein junges Pärchen in Schwarz betritt mit mir den Raum, der nichts von dem hat, was man sich unter einem "Dachatelier" vorstellt. Er ist genau so groß wie der Keller, durch die fehlende Mauer an der Hafenseite scheint der Mond herein, die Decke besteht aus morschen Gebälk. Benno fegt aus, in warmer Daunenjacke, an Heizung ist hier nicht zu denken. Er wirbelt eine Menge Staub auf, der sich alsbald zu den dicken Schichten gesellt, die fast alles hier bedecken. "Wir sind noch gar nicht dazu gekommen, die Bilder auszustellen. - Benno macht gerade sauber. - Benno ist im Saarland eine Berühmtheit. Stimmt's, Benno?" Benno grinst gequält und quält seinerseits den schütteren Besen. Er kehrt ein paar Dinge zusammen, die ich für Kunstwerke gehalten hätte. Dafür kehrt er um Sachen herum, die ich, nun ja, nicht verstanden habe. Eine mannshohe Montageplatte voller verkokelter Stecker zum Beispiel. Drei riesige Spiegel lehnen lässig an der Wand und zeigen, in dichtem Nebel, die Skulpturen und ihre ratlosen Betrachter. Ein weiterer Herr wird im Grau erkennbar: Er begleitet Benno auf seinen Besenstreifzügen, als ginge er mit ihm spazieren. Lauscht er ihm? Lauscht Benno ihm, wenn er den blassen Rundschädel schräg nach oben wendet? Der Herr sieht aus wie ein Kunsthändler. Oder wie ein Psychiater im Außendienst. Oder will er die Miete kassieren? Nein, er wandelt mit und neben Benno, einfach so. Als wir uns zum Gehen wenden und ich schon überlege, ob ich mir für den Gang ein paar Streichhölzer ausbitten soll, sagt Lothar mit sanfter Stimme: "Sie können sich die Bilder aber ruhig schon einmal ansehen." Er weist auf eine Ecke des acht Meter langen eisernen Tisches. Dort liegen die kleinen, weiß gerahmten Bilder. Die übrigen siebeneinhalb Meter Tisch versucht Benno in den nächsten Minuten abzuräumen und zu wischen. Als Lothar sieht, daß wir uns seinen Bildern zuwenden, nimmt er so viel Haltung an, wie es eben geht. Aber sein Körper wirkt weiterhin wie aufgehängt an einem Punkt zwischen den Schulterblättern. Auch die langen schwarzen Haare hängen in Strähnen herab, finden den Weg unter dem ehemals roten Barett hervor, das an der Stirnseite mit verfremdetem Eichenlaub verziert ist. Das Gesicht darunter verschlafen-freundlich, die Augen halb geschlossen. Unter einer dicken Jacke ein Jeanshemd, das den Bauch nicht ganz bedecken kann, denn es steht an den entscheidenden Stellen so offen wie Lothars Hose, Lothars Schuhe. Offen ist auch seine Art, über die eigene Kunst zu sprechen. Er zeichnet mit Bleistift oder Tusche labyrinthische Schnörkel in jeder Größe: Das kleinste liegt Werk liegt auf dem Tisch, 8 mal 8 Zentimeter. Es sieht aus, als hätte der Künstler es mit dem Kopierer verkleinert: So fitzelig kann doch kein Mensch zeichnen. Lothar kann, und dann malt er "mit nem Nullerpinsel" die entstandenen Flächen in fröhlichen Farben aus. Oder in gedeckten: "Dies hier hab ich während meiner ersten Psychose gemalt. Man sieht das, weil meine Farben hier so stumpf sind. Das stand jedenfalls in der Zeitung. Und das hier ist unter Muskat entstanden." Die Farben sind frischer, das stimmt, aber Muskatnuß? Als Pigment? Als Droge? Ich muß vorsichtiger damit umgehen, eine Prise habe ich bislang immer achtlos an die Bratkartoffeln gegeben. Lothar zeigt auch gern seine Großformate, die er auf Hartfaser zeichnet und ausmalt. Später sagt er "koloriert". Die Bilder lehnen in einer Ecke der Halle, schwach beleuchtet von einer lose an einem Draht baumelnden Leuchtstoffröhre, die durch einen am Boden abgestellten Lenkdrachen Licht zu werfen versucht. " Ich darf mich doch Kulturschaffender nennen?!" - Lothar unterbricht seine Führung kurz. "Ich dichte nämlich auch." Und sagt einen Vierzeiler über die Vergänglichkeit auf. "Ich kann auch längere! Die sind aber nicht gereimt." "Macht nichts", sagt der junge Mann.

Lothar sagt auf, was aufzusagen ist. Auch Politisches, aus der Strauß-Ära. Er macht gereimte Witze über die Kritiker, die es erstmal besser machen sollen. Wehmütiges über seine Mutter, "mein Schicksal". "Ich darf mich doch Kulturschaffender nennen?!"
Als wir alle bejahen, drückt er jedem von uns ein Wegwerffeuerzeug in die Hand, uns drei Nichtrauchern. Darauf klebt ein Zettel mit Lothars Namen und seiner Berufsbezeichnung: "Kulturschaffender". Auf jeden Fall komme ich jetzt sicher wieder hier raus. Lothar zeigt sein Buch, einen A5-Hefter mit zehn Gedichten und einer Miniatur. "Hier ist meine Vita." Er fischt einen abgegriffenen Papierstreifen aus einem Heft, der von seinem Lehrerexamen und seinen Aufenthalten in verschiedenen Landeskrankenhäusern berichtet, von seinen Psychosen und Ausstellungen, vorwiegend in Kliniken. Im Keller hatte ich bereits Vitae gelesen, doppelseitig und mit Unmengen von Einzel- und Gruppenausstellungen. Lothars Lebenslauf ist etwas fettig, aber ehrlich. "Die Zeichnung hab ich meist in einem Tag fertig. Aber das Ausmalen, das Kolorieren dauert dann schon ein paar Wochen. Eine Frau hat mal geschrieben über mich: Im Ornament gefangen, das war der Titel, das fand ich nicht schön. - Das ist meine Mona Lisa. Die lieb ich besonders." Die junge Frau nimmt das Bildchen in die Hand und sagt: "So eine Mona Lisa habe ich noch nie gesehen!" Lothar ist ganz aus dem Häuschen, aber er lenkt schnell ab: "Haben Sie meinen Punker schon gesehen?" "Da ist kein Punker dabei", sagt der junge Mann, "den hätte ich erkannt. - Willst du die Mona Lisa haben, Liebling?" Die Frau zögert, als habe sie sich zu weit vorgewagt und wolle Lothar nicht kränken. Sie sagt ja. "Aber dafür hätte ich schon gerne.....50 Mark!"
Der junge Mann zückt seine Geldtasche und bezahlt. Lothar nimmt den Schein, faltet ihn dreimal, hält in hoch in die Luft und ruft: "Kuck mal, Benno! Für mich!" Benno grinst gequält: "Der Tisch ist jetzt soweit, wir können die Bilder da hinlegen." Lothar möchte gerne noch was aufsagen, aber er weiß nicht recht: "Manche halten mich wirklich für süchtig.... für geltungssüchtig!" Wir weisen das halb entrüstet zurück, und so kann Lothar sein letztes Gedicht aufsagen. Als der junge Kunstfreund ihm dann auch noch das Buch für 10 Mark geradezu abschwatzt, ist Lothars Glück vollkommen. Er faltet wieder den Schein und strahlt zu Benno hinüber. "Kuck mal, Benno! Ich hab meine Mona Lisa verkauft. Und mein Buch!"

Benno grinst gequält.

Das Feuerzeug leuchtet mir heim. Unten sind die Teelichter verloschen. Der Zettel hängt noch im Wind: Lothar, 3. Stock rechts. Und ein Pfeil nach links.

(c) Simon Croll 2002

 

 



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