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DIE INTERPRETATION VON 2001

1) Bowman im Kommandostand der Discovery. 2) Es gelingt ihm alleine Jupiter zu erreichen. Er findet den Monolithen und parkt die Discovery in einem Orbit um Jupiter. 3) Um die Forschungsmission zu erfüllen wagt er es sich alleine dem Monolithen zu nähern. Er verlässt die Discovery, auf die er nie mehr zurück kehren wird. 4) Mit einer Raumkapsel nährt er sich dem Objekt.   5) Während dessen wird alles was tut und sagt über die Richtantenne der Discovery zur Erde abgestrahlt. Aufgrund der großen Entfernung kann er von dort weder unmittelbaren Rat noch sonstige Hilfe erwarten. 5) Als er sich dem Monolithen nähert befinden sich die Monde Jupiters in Kunjunktion. 6) Der mehrere Kilometer große Monolith, bevor er aktiv wird. Er hat seit 4 Millionen Jahren auf die Ankunft David Bowmans gewartet.

Das Ende des Films ist für alle Zuschauer zunächst unverständlich und rätselhaft. Es fordert eine Erklärung, die immer auch eine Interpretation des gesamten Films sein muss. Wer sich mit dem Film und seiner Vorgeschichte beschäftigte weis, das am Anfang Clarkes Story "The Sentinel" stand. Auch das Anfangsskript zu 2001 war dieser Story sehr nahe. Aber nicht mehr der Film. Im Sentinel treffen die Astronauten beim Jupiter (oder bei Saturn, wie Clarke ursprünglich plante) auf ein Stargate. Ein Wurmloch, ein Tunnel im Raum-Zeitgefüge, der den Ort bei Jupiter mit einem anderen Sonnensystem tausende Lichtjahre entfernt verbindet. Man durchschreitet den Tunnel von wenigen Kilometern, überwindet dabei aber viele Lichtjahre.

Ein solches Wurmloch erschien im Prinzip von der Physik erlaubt, hätte aber viel weitergehende Implikationen als Clarke sie beschreibt. Kubrick erfuhr offenbar davon. Er entschied sich in dem Film die Konsequenzen daraus zu ziehen und deutlich weiter zu gehen als Clarke sich getraute. Kubrick wählte drei Sequenzen im Film um anzudeuten was er meinte. Dies war jedoch zu subtil um vom den meisten Zuschauern wahrgenommen zu werden. Gemeint ist die Planetenkonstellation bei der Begegnung mit den Monolithen. Sowohl bei Moon-Watcher als auch bei Floyd und bei Bowman standen Monde, Planeten und Sonne in Konjunktion, in einer Reihe. Eine solche Konjunktion ist ein seltenes Ereignis und es ist daher sehr unwahrscheinlich das es gerade immer während einer menschlichen Begegnung mit dem Monolithen auftritt. Wie Ordway betonte war dies Kubrick bekannt, aber er verwendete es trotzdem nicht einfach als ein theatralisches Stilmittel. Er wollte mehr damit aussagen.

Wenn aber die Konjunktion bei den Begegnungen kein einfacher Zufall war, was war es dann? Die zeitliche Korrelation von Konjunktion und Begegnung ist nur dann kein Zufall wenn der kausale Zeitablauf selbst vorbestimmt ist. Wenn also jemand dafür sorgte das diese Ereignisse zusammen fielen. Das ist die Aussage dieser Sequenzen. Die Monolithen sind nicht von Ausserirdischen, sondern von Wesen jenseits unseres kausalen Zeitablaufs. Wesen auf einer Existenzebene die jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. So wie Ameisen sich nicht vorstellen können...

Die Odyssee

Mit diesem Vorwissen fällt es leichter Bowmans Odyssee zu interpretieren.

Als Bowmann sich dem Monolithen bei Jupiter nähert öffnet sich der Raum und er fliegt durch einen Tunnel aus zwei Ebenen von Lichtstrukturen. Diese Lichtstrukturen sind nicht zufällig sondern erscheinen einem angedeuteten System zu unterliegen. Sowohl lokal, als auch vom Ablauf. Sie werden immer dichter und gegen Ende des Lichttunnels kommt eine spiralige Struktur, kurz danach sieht er die Geschichte des Universums.

Die Lichtstruckturen sollen strukturierte, abstrahierte Informationen darstellen. Informationen über das Universum und alles was es enthällt, gewonnen aus der Geschichte des Universums. Um sich hochkomplexe Informationen zu veranschaulichen und zu systematisieren wählen Menschen die Form von Tabellen. Dies ist dem menschlichen Gehirn am besten angepaßt. Liegen diesen Tabellen in ihrer Anordnung der Werte eine gemeinsame Regel zugrunde, so spricht man von Matrizen. Etwa kann eine Matrize die Zustandsdaten eines Moleküls, eines Bakteriums oder eines Humanoiden enthalten.

Eine Matrize in einer höheren Ordnungsebene kann nun Gleichungen oder Regeln enthalten wie diese Zustandsdaten sich unter bestimmten Bedingungen verändern. Eine Matrize in einer wiederum höheren Ordnungsebene kann nun Regeln enthalten wie die Matrize in der jeweils tieferen Ebene mit Daten zu füttern ist. Jede höhere Ebene enthällt abstrahierte Informationen über die tiefer liegende. Am Ende erhällt man eine mehrdimensionale kosmische Matrix. Ihre unterste Ebene beschreibt das Verhalten von Atomen und Molekülen, die mittlere das Schicksal von Menschen, und die höchste Dinge die unser Verstand nicht erfassen kann.

Bowmann kam in den Tunnel von oben, wo nur wenig Information sichtbar ist weil hier vieles so abstrahiert ist das es nur wenige relevante Faktoren gibt. Unten hat die Matrix die höchste Dichte, voll mit Info auch über die kleinsten Teilchen. Zwischendurch wurde er kurz ohnmächtig, als die Dichte der Präsentation das Leistungsvermögen seines Geistes überforderte.

Von links nach rechts, von oben nach unten, Momentaufnahmen vom Lichttunnel im ersten Teil von Bowmans Odyssee. Diese ganze Filmsequenz besteht nicht aus elektronischen Tricks sondern aus langzeitbelichteten Einzelaufnahmen die mit einer speziell dafür entwickelten Slit-Scan Maschine mit extremer Tiefenschärfe erzeugt wurden. Das vorletzte Bild kann interpretiert werden als die spiralförmige Quelle. Wenige Sekunden später endet der Tunnel in einer Lichtflut und der "historische" Teil der Odyssee beginnt.

Am Ende des Tunnels sieht er die Herkunft all dieser Informationen. Er sieht die Entstehung des Universums, von Galaxien, von Sonnen und Planeten. Dann von Protoplasmen, Einzellern und Amöben.

1) Der Urknall vor etwa 16 Milliarden Jahren. Die Entstehung des Universums aus einer Singularität. 2) Die Entstehung der ersten Galaxien. Die älteste die man heute kennt ist 13 Milliarden Jahre alt. 3) Eine Sonne und ihrer Planeten entstehen etwa gleichzeitig. Auf den inneren Planeten, bei uns von Venus bis Mars, hällt die Strahlung der Sonne einen Ur-Ozean flüssig. Durch einen komplizierten Regulationsmechanismus zwischen Atmosphäre, Ozean und Vulkanismus bleibt die Oberflächentemperatur in dem Bereich was die Erde heute bietet.   Bei der Venus versagte dieser Mechanismus bald, da die starke Sonnenstrahlung zu einem Verlust von zuviel Wasser führte. Beim Mars versagte der Mechanismus etwas später, als der Vulkanismus zurück ging da der Planet wegen seiner geringen Größe schneller auskühlte als die Erde. Der Abstand zur Sonne war dabei keine Einflußgröße. Auf Kubricks Bild ist die Sonne in blau-grün gehalten und wie von Wellen umgeben. Dies ist die Sicht aus dem Ur-Ozean auf die Energie spendende Sonne.

Schliesslich von höheren Lebensformen mit zweigeschlechtlicher Fortpflanzung. Solche Lebensformen haben von biologischen Systemen die optimalsten Evolutionseigenschaften. Als nächstes sieht er Informationseinheiten über die Oberfläche von Planeten fliegen. Wüsten, Flusstäler und der Meeresgrund werden erkundet. Die Geschöpfe erforschen ihren Ursprung.

1) + 2) Die frühe entstehungsphase des Lebens ist trotz vieler Theorien noch immer unbekannt. Die chemischen Grundbausteine, auch Aminosäuren, sind bereits vor der Bildung von Planeten im Urnebel vorhanden. Der Mechanismus im innern unserer Zellen ist jedoch kompliziert und sehr empfindlich. Wahrscheinlich entstanden diese ersten Proto-Zellen, noch ohne Zellmembrane, im innern von porösem Gestein, auf dem Grund des Meeres nahe vulkanischer Quellen.. Nur dort im Gestein, in einer Pufferlösung und nicht frei im Ur-Ozean, kann sich über längere Zeit eine chemisch stabile Umgebung ausbilden   3) + 4) Umgeben von einer schützenden Gallertschicht kann diese Proto-Zelle auch zu anderen Orten fliesen. Dort kann dann mit ähnlichen Objekten eine Interaktion stattfinden, etwa zum Austausch von Erbgut. 5) Ein wesentlicher Schritt war dann die Ausblidung einer Zellmembran. Sie schützte vor allerlei chemischen Substanzen und vor einer Umgebung mit anderem ph - Wert.Damit entstand die Ur-Zelle, deren Nachfahren noch heute die Körper von Menschen bilden. Diese Zellen konnten nun den gesammten Ur-Ozean bevölkern

 

1) Zuerst lebten sie einzel, dann sammelten sie sich zu Kolonien, größeren Gruppen. Dies geschah an Stellen die besonders hell und nährstoffreich waren. In Gruppen zusammen konnten sie auch Nahrung die Nacht über speichern, da sie sie ja nur am Tage mit Hilfe von Sonnenlicht umwandeln konnten. So entstanden die ersten Mehrzeller, als Algen, die Vorfahren unserer Pflanzen. 2) Bei den Pflanzen trat bald eine Spezialisierung auf. Zellen an verschiedenen Stellen übernahmen unterschiedliche Aufgaben. Als harte Schutzhülle nach außen, als Nahrungsspeicher nach innen oder als Arbeiter für die Photosynthese nahe der Oberfläche. Es gab aber noch immer einzelne Zellen im Ozean die ebenfalls sich vortentwickelten. Als es genug Algen gab wurden diese selbst zur Nahrungsquelle. Die ersten Pflanzenfresser waren Zellen die sich von Algenzellen ernäherten.   Auf dem Bild nährt sich eine solche größere einzelne Zelle der Algenkolonie. Pflanzenfresser hatten große chemische und energetische Vorteile. Sie waren nicht direkt auf Sonnenlicht angewiesen und konnten sich auf eine sehr hochkonzentrierte Nahrung spezialisieren. Sie brauchten weniger Systeme zur Synthetisierung in ihrem eigenen Körper da sie diese Grundsubstanzen schon ihrer Nahrung entnehmen konnten. Diese Pflanzenfresser waren die ersten Tiere. Obwohl Nahrungssuche und Verdauung ihrer Haupttätigkeit waren hatten sie nun Potential sich auch in andere Richtungen zu entwickeln. Die Evolution des Tierreichs began. Dies zeigt Kubrick in einer einzigen Sequenz, als ein rotes, schon mit Blut ausgestattes Wesen sich von einem flachgesichtigen Wurm- oder Fisch ähnlichen Wesen zu einem Schnabeltier entwickelt - 3) bis 5).

In der nächsten Sequenz sieht Bowman die Entwicklung eines einzelnen Individums. 1) Es beginnt mit den Eizellen die einzeln in den Befruchtungsraum wandern. 2) Im Bereich der Versorgungszellen dort angekommen erfolgt die Befruchtung durch ein Spermium das von rechts her angeschwommen kommt. 3) Danach beginnt die Zellstruktur sich zu verformen bis sich in 4) eine runde schwarze Fläche gebildet hat die von einem rötlich weisen Rand umgeben ist   Der weise Punkt ist eine Lichtreflecktion auf dem Auge, im Gesicht des Wesens auf das man blickt. 5) Dann erfolgt der schnitt zu Bowmans Auge, solarisiert verfremdet, auch mit einer Reflektion auf der Pupille. Man weis nun nicht was Bowman wahrend dessen sieht. Ob sich das schwarze Auge weiter verwandelte oder dies die endgültige Form war. Es muss kein Fremder sein, auf den Bowman schaut. Auch der menschliche Embryo hat mit etwa 40 Tagen, am Ende einer sich schnell verändernden Frühphase, ein schwarzes Auge.

Nach der Entstehung des Lebewesens kommt als nächste Sequenz die mit den "Mindbender". So von Kubrick bezeichnet sind dies leuchtende, Edelstein ähnliche Objekte die ihr Aussehen leicht verändern und über die Oberfläche eines Planeten fliegen. Dies sind die einzigen künstlich, technisch, erscheinende Objekte die in der ganzen Odyssee auftauchen. Im Kontext kann es sich nur um Geräte handeln die von Lebewesen gebaut wurden um Informationen zu sammeln   Danach sieht man aus der Perspektive eines Flugzeugs oder Raumschiffs auf die Oberfläche fremder Planeten. Man sieht es durch die Augen von Kamerasystemen die ein breiteres Spektrum wahrnehmen als das menschliche Auge. Die von den Lebewesen ausgesandten Informationssammler durchstreifen fremde Welten und enden in den letzten beiden Bildern auf dem Grund eines Meeres, da wo das Leben begann.

Plötzlich ist die Odyssee zu Ende und Bowman findet sich mit seiner Raumkapsel in einer luxuriösen Suite im Stile Ludwigs XVI. wieder. Diese Epoche wurde Symbol für übertriebenen Prunk und geistigen Stillstand bei gleichzeitiger Not und Elend im Lande. Dort sieht er sich selbst, in verschiedenen Stadien des Lebens, den Luxus passiv konsumieren. In Clarkes Skript war hier auch noch ein TV Gerät mit endlosen Zeichentricks und Soaps vorgesehen. Aber dies als ultimativen Luxus Konsum zu präsentieren war Kubrick wohl zu provokativ erschienen. Erst bei seinem Tod sieht Bowman den Monolithen wieder. Die Suite war ein Ort ohne Zeit, eine Projektion für Bowmans Geist.

Der letzte Teil von Bowmans Odyssee, die Luxus Suite Sequenz, ist in 5 Begegnungen unterteilt. In 1) kommt er mit seiner Raumkapsel in der Suite an. Zu Anfang ist sie leer. Dann sieht er plötzlich sich selbst ausserhalb der Kapsel stehen. Man sieht erst ihn in der Kapsel, die Lichter der Anzeigen spiegeln sich in seinem Helm. Dann der Blick aus der Kapsel heraus, wie er dort sich selbst sieht. 2) Diese zweite Person, die auch Bowman ist, aber etwas älter, erkundet die Suite. Dabei findet er einen Mann beim Essen. Dies ist wieder er selbst, aber noch älter. Er fühlt sich von etwas gestört, dreht sich um, schaut nach, findet aber niemanden.   3) Er setzt sein Essen fort. Als ihm ein Glas herunterfällt unterbricht er erneut. Vom Glas auf dem Boden wird sein Blick abgelenkt auf das Bett. Mit erstaunen sieht er dort wieder sich selbst, als sehr alten Mann. 4) Der alte Bowman liegt auf dem Sterbebett, er kann nichts mehr tun als nur den Tod erwarten. Vor seinem Tod erscheint aber noch der Monolith vor seinem Bett, auf den er mit dem Finger zeigt. Er hat nun ein Leben in maximalem materiellem Wohlstand überschaut und dessen Sinnlosigkeit durchfühlt. 5) Mit dem Ende dieser Vision ist Bowman bereit seine endgültige Bestimmung anzunehmen. Er verwandelt sich in ein Geisteswesen, ein Sternenkind.

Die letzte Einstellung von "2001". Dies ist keine Vision Bowmans mehr. Als geistiges Überwesen schwebt das was einmal David Bowman war im All zwischen Mond und Erde. Er blickt herab auf den blauen Planeten.

Die Luxus-Suite Sequenz veranschaulicht, dass der Sinn des Lebens nicht auf die physische Existenz begrenzt ist. Erst unter Einschluß einer kosmischen Perspektive nährt sich die Existenz des einzelnen Individuums dem was der Sinn von Lebensformen, von Evolution, überhaupt ist. Damit kommt die Schlußsequenz des Films, in der man Bowmans Geist als kosmischer Embryo zwischen den Planeten sieht. So wie der Weg zum Jupiter gewiesen wurde, wurde der Menschheit auch der Weg in die Zukunft gewiesen. Wird dieser Weg begangen wird aus der Menschheit, die heute noch ein Embryo ist, ein Kind und dann ein Erwachsener der selbst den Kosmos mitgestaltet. Dann hat sich der Sinn der Menschheit erfüllt.