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Hanno Erdwein

Das Sterben der Liebe

Noch hatte es niemand bemerkt. Die Kälte kam schleichend und heimlich. Erst erfaßte sie wenige Herzen und wurde kaum als weltweite Katastrophe erkannt. Sie nistete sich zwischen Mann und Frau, in der Beziehung unter Freunden, im Umgang unter Nachbarn und der Haltung Ausländern gegenüber ein. Der Umgangston wurde von Tag zu Tag rüder. Ehen, Freundschaften, Bündnisse und friedliches Übereinkommen brachen täglich mehr und mehr auseinander. Bald wurde auf Straßen und Plätzen wild aufeinander eingeprügelt und die Polizei mischte nach Kräften mit. Männer schlugen ihre Frauen und jagten sie aus dem Haus. Liebespaare trieben nur noch sadomasochistischen Sex miteinander. Den Ausländern stellte man nach und täglich hörte man von blutigen Gewalttaten. Auf den Autobahnen herrschte das Recht des Stärkeren. Wer nicht genug PS unterm Hintern hatte, wurde von der Bahn verdrängt und fand in der Leitplanke den Tod. Dann dauerte es nicht mehr lange und die latenten Auseinandersetzungen unter den Staaten eskalierten zu weltweiten Kriegen.

John Silverstone war eigentlich kein eingefleischter Junggeselle. Mit seinen achtundzwanzig Jahren hatte er bereits einige Beziehungen gehabt. Aber die Richtige für ein dauerhaftes Verhältnis war bis jetzt nicht dabei gewesen. Wenn er sich eine Frau fürs Leben vorstellen konnte, dann nur eine wie Diana Brown, die Schauspielerin. Natürlich war es Unsinn, eine Leinwandgöttin anzubeten, sich alle ihre Filme anzuschauen und Tag und Nacht von ihr zu träumen. Eine solche Leinwandgöttin war nichts für einen kleinen Provinz-Journalisten wie John Silverstone. Bei ihr würden allenfalls Ölmagnaten und hochrangige Politiker landen können. Diana Brown war Lichtjahre von ihm entfernt. Zudem war es um sie in letzter Zeit seltsam still geworden. Seit ihrem letzten Film, "Das Zittern des Espenlaubs", in dem sie eine junge attraktive Lehrerin an einer Schule für kriminelle Jugendliche dargestellt hatte und einen Oscar für diese Glanzleistung erhalten hatte, war sie in der Öffentlichkeit nicht wieder aufgetaucht. Aber John hatte genug Plakate mit ihrem Konterfei an den Wänden seines Arbeitszimmers hängen, um sie auch so nicht zu vergessen. Zudem begegnete sie ihm fast jede nacht in seinen Träumen und forderte ihn auf, etwas zu unternehmen. Ja, das war seltsam. Sein heimliches Idol forderte von ihm, dem unbedeutenden popligen Kolumnenschreiber an einem hinterwäldlerischen Kreisblättchen, er solle etwas gegen die weltweite Erkaltung der Liebe unternehmen. Aber das war absurd! Er schob den Gedanken weit von sich, weil er ihn ihm eine Hybris seiner Phantasie vermutete. Wer war er denn schon? Diana Brown, ja, die hätte derlei sicher schaffen können. Sie stand im Rampenlicht. Er aber befand sich tief im Schatten der Gesellschaft.

Wieder saß er vor seinem Computer und surfte auf Gutglück im Internet, auf der Suche nach einer griffigen Story für die Wochenendausgabe des Farmer Journals. Was er las, ließ ihm das Nackenhaar zu Berg stehen. "In der Tat: Die Liebe stirbt", murmelte er vor sich hin, "das ist schon eine weltweite Epedemie." Stirnrunzelnd sah er zur Decke hoch, als könne er dort bei den diversen Wasserflecken eine Erklärung für das grausame Geschehen finden. Dann senkte er den Kopf, stüzte das Kinn in die Hand und starrte lange den Monitor an. "Die Liebe stirbt. Das Licht, was Mensch mit Mensch verbindet, erkaltet", formulierte er halblaut vor sich hin. Entschieden schüttelte er den Kopf. Das war kein Motiv für sein Blättchen. Man wollte Aufbauendes lesen und nichts, was die Wochenendlaune verdarb. Aber das Netz der Netze gab nun mal nichts Positives her. Resigniert drehte er den Kopf zum Fenster, vor dem im Westen der Sonnenball rotglühend hinter den Waldrand sank. Einer Eingebung folgend stand er auf, griff sich die Jacke von der Stuhllehne und verließ durch die Hintertür sein Haus. Der kalte Winterabend ließ ihn ein wenig erschauern. Dennoch nahm er den Weg zum Wald und verschwand kurz darauf in seiner zunehmenden Dunkelheit. Wohin er seine Schritte lenkte, war ihm nicht bewußt. Plötzlich stand er vor der windschiefen Hütte, die er schon länger nicht mehr betreten hatte.

"Jonny, kommst du mich auch mal wieder besuchen?" Das alte Weib hockte vor ihrem Kamin und wärmte sich die runzlige Haut. Er nickte der Alten kurz zu und setzte sich auf einen dreibeinigen Hocker. Er wußte, daß man kein Gespräch mit dieser sonderbaren Frau beginnen durfte, bevor sie nicht durch eigene Fragen die Auflassung dazu gegeben hatte. Daisy Donevan, von allen nur Mutter Day genannt, hatte sich vor ein paar Jahren hier niedergelassen. Sie verstand sich auf allerlei mysteriöse Heilpraktiken und half auf ihre skurile Art, wenn Not am mann war. Natürlich hatte sie manche absonderliche Angewohnheit und konnte sie sich auch leisten. Bis vor kurzem war sie das uneingeschränkte Orakel der Gegend, bis Kälte und Haß auch sie isolierten.

"Du kommst wegen dem Licht", begann sie übergangslos nach einer längeren Zeit des Schweigens. Silverstone nickte. "Verdammte Entwicklung", knurrte sie mit der tiefen heiseren Stimme, die ihr eigen war. "Kann man überhaupt was dagegen tun?", fragte der junge Mann fatalistisch. Die Alte starrte wieder eine Weile stumm ins Feuer und meinte dann den Kopf wiegend: "Nicht viel. Und das Wenige, was man tun kann, könnte das Leben kosten." "Also gibt es ein Gegenmittel?" Wie in Trance wandte ihm Mutter Day das Gesicht zu und ihr Blick starrte durch ihn hindurch: "Ja, aber du wirst es nicht gern hören wollen." Unmerklich zuckte er zusammen; denn die Augen der Alten waren wie zwei scharfgeladene Revolvermündungen auf ihn gerichtet. verwundert hörte er sich dennoch sprechen: "Sags mir, egal wie schlimm es ist." Zu seiner Erleichterung nahm das alte Weib den Blick von ihm und starrte wieder ins Feuer. Es dauerte, bis er sie leise sprechen hörte: "Wenn du das wirklich willst, mußt du eine furchtbar lange Reise auf dich nehmen." John nickte. "Zuerst geht es ganz tief hinab und dann sehr weit, entsetzlich weit hinauf." Wieder nickte er, obschon er von diesem Orakel nicht das mindeste verstanden hatte. "Aber", meinte er mit gekrauster Stirn, "weshalb ich? Wieso eigentlich ich?" Die Frage richtete er mehr an sich selbst und murmelte sie auch nur so vor sich hin. "Wer bin ich denn schon?" Wieder fixierte ihn der stechende Blick der Alten: "Wer du bist? Ein Liebender bist du." John zuckte zusammen. "Aaaaber ..." "Nichts aber. Du liebst. Ich weiß es. Es ist eine unerfüllte Sehnsucht in dir." Was wußte diese Alte von seiner Liebe? Konnte sie Gedanken lesen? "Aaaber ...", versuchte er es erneut. Mutter Day schnitt ihm wieder das Wort ab: "Deine Liebe gibt dir Kraft, Dinge zu tun, die kein anderer tun kann, der deine Liebe nicht besitzt." John seufzte: "Es gibt sicher mehr junge Männer und Frauen auf der Welt mit so einer unerfüllten Liebe im Herzen." "Stimmt", gab die Alte zu. "Dich aber hat das Schicksal ausgesucht, etwas Unmögliches zu wagen." "... also etwas Unmögliches", murmelte er dumpf vor sich hin. In dem Wort steckte eine Menge Hoffnungslosigkeit. Er senkte resigniert den Blick. Doch die rauhe Stimme der Alten holte ihn energisch aus dieser Haltung: "Denk stets daran, daß auch Diana Braun deine Hilfe braucht. Oder willst Du sie wie alle anderen untergehen lassen?" Das wollte er natürlich nicht. Diana - mit ihrem Bild vor Augen würde er jede noch so schwere Aufgabe schaffen. Gut, daß ihn Mutter Day daran erinnert hatte. Er straffte den Rücken und sah sich forschend um: "In Ordnung, eine Reise soll ich also machen, soll zuerst ganz tief hinunter und dann sehr weit hinauf, wo immer das auch sein mag." Mutter Day nickte. "Aber was dann?", hakte er nach. "Dann wirst du all das mitbringen, was die Kälte vertreibt und die Liebe wieder aufblühen läßt." Silberstone seufzte und erhob sich mit krachenden Gelenken. Die seelische Verkrampfung hatte ihn steif werden lassen. "Einen Moment noch!" Die Alte stand ebenfalls auf und winkte ihn mit krummem Finger näher. "Ich muß dir noch etwas mitgeben." Damit griff sie einen Schührhaken und zerteilte die weiße Asche auf einer Seite des Kamins, die dem Feuer abgekehrt war. Rasch langte sie hinein und zog ein hölzernes Kästchen dort hervor. Merkwürdig, dachte John, daß das im Feuer nicht verbrannt war. Lächelnd reichte ihm Mutter Day das Behältnis: "Nimm es erst zur Hand, wenn du nicht mehr weiter weißt." Noch mehr Rätselsprüche vertrug er nicht und verabschiedete sich sehr rasch mit vielen Dankeschöns. "Geh zuerst nach Norden auf die Feuerinsel", riet ihm die Alte noch an der Haustür. "Folg einfach deinem Instinkt. Der wird dich schon richtig leiten." Sacht berührte sie seine Schulter. Wärme durchfloß ihn. Mutter Day blieb stehen und sah ihm nach. In ihrem Blick war etwas Vertrautes, etwas, daß ihm seit Jahren sehr nahe war, ohne daß er es hätte benennen können. Er winkte zurück und machte lange Schritte, um fortzukommen.

Mit der Feuerinsel im Norden war sicher Island gemeint, mutmaßte er und buchte eine entsprechende Überfahrt. Fliegen mochte er nicht. Zwar drängte es ihn nach der raschen Erledigung seiner Aufgabe. Doch den unsicheren Balken der Luft mochte er weitaus weniger sein Leben anvertrauen als den schwankenden Wellen des Wassers.

Nun stand er auf dem Lawageröll des Strands und sah sich um. Seinem Instinkt, also seiner Nase sollte er folgen. Die zeigte just auf den Volkankegel, in den Jules Verne den verrückten Wissenschaftler klettern ließ, um die Reise zum Mittelpunkt der Erde anzutreten.
Konnte das mit der Tiefe gemeint sein? Nun ja, das blieb abzuwarten. Viel falsch zu machen war da nicht, jetzt, wo er sich einmal auf das verrückte Abenteuer eingelassen hatte. In der Tat ein völlig verrücktes und abgedrehtes Abenteuer, das zu nichts führen würde. Mutlosigkeit überfiel ihn jählings wie ein dunkler kalter Schleier. Mit einem mal zweifelte er an allem und wollte wieder umkehren, um alles zu vergessen. Doch dann strich wie zufällig seine Hand über das Kästchen in seiner Tasche. Wärme durchfloß ihn und Dianas Bild stand plastisch vor seinem inneren Auge. Diana Braun, die für ihn schönste Frau der Welt. Ihr zuliebe wollte er, würde er durchhalten und gab sich einen Ruck.

Er war kein ausgesprochener Kletterkünstler und hatte sich auch recht wenig um geeignete Ausrüstung gekümmert. Mit naivem Vertrauen stieg er auf den Vulkan und suchte sich den am wenigsten steilen Kamin aus, in den er rutschend, tiefer kletternd und in gewagten Sprüngen abwärts fuhr. Das Taglicht blieb immer weiter zurück und erstarb nach einigen Windungen des Schlotes völlig. Dafür ging von den Wänden eine Art Phosphoriszieren aus, welches einen schwachen Ersatz darstellte. Es reichte gerade aus, um sich zu orientieren.

Wielange der Vorstoß in die Tiefe schon dauerte, wußte er bald nicht mehr anzugeben.
Die Batterie seiner Armbanduhr war schon seit Tagen leer und er hatte keine Lust gehabt, sie zu erneuern. Jetzt hätte er die Elektronik gut gebrauchen können. Ärgerlich zog er das nutzlose Teil vom handgelenk und schleuderte es in die Tiefe. Lange dauerte es, bis er es weit unten ganz leise aufschlagen hörte. Er seufzte und stieg ebenfalls weiter abwärts.

Irgendwann stand er auf dem boden einer geräumigen Höhle. Sicher führte der Schlot seitab weiter ins Innere des Planeten. Aber hier wollte John vorerst Rast machen und seine zerschundenen Hände und Füße ausruhen. Auf einen Basaltblock ließ er sich nieder und sah sich neugierig um. Das vulkanische Feuer hatte merkwürdige Formen hinterlassen. Ein phantasiebegabtes Auge mochte allerlei entdecken, was an Tiere, Pflanzen und urweltliche Monster erinnern mochte. Drachenköpfe lugten aus Felsspalten. Teufelsfratzen grinsten von der Decke herab. An Lianen erinnernde Steingebilde bedeckten weite Teile der Wände. Der Zufall ging schon seltsame Wege; denn was anders als zufällige Verformungen sollte es denn sonst sein?

Vom vielen hierhin und dorthin Starren fielen ihm ermüdend die Augen zu. Er schlief auch sogleich ein. Bilder stiegen aus seinen Träumen hoch, die alles andere als ermutigend waren. Sie zeigten ihm die Sinnlosigkeit seines Unternehmens und rieten ihm zur Rückkehr. Kälte kroch in sein Herz, ließ ihn erstarren und sich nach der Geborgenheit seines Bettes sehnen. Etwas fraß an ihm, nagte und biß sich fest, nährte seine Verzweiflung, drängte ihn aufzugeben. Er erwachte und schlotterte vor Kälte, obschon es eigentlich im Inneren dieses Vulkans warm, wenn nicht heiß sein sollte. bibbernd steckte er die Hände in die Hosentaschen und ... fühlte sich plötzlich warm durchrieselt. Er hatte das Kästchen berührt. Dianas Bild lächelte ihn aus der Erinnerung an, machte ihm Mut, ließ seine Lebensgeister neu erstarken.

Doch dann vernahm er etwas, was ihn vor Grauen zittern machte. Ängstlich spitzte er die Ohren. Ja, da war es wieder ... das tiefe Grollen unter ihm. Das konnte nur eines bedeuten: Der Vulkan stand kurz vor einem Lawa-Ausbruch. Panik, Verzweiflung ergriff ihn Hier stak er mitten im Berg und würde wenig später bei lebendigem Leib geröstet werden. Fatalistisch ließ er die Schultern hängen und steckte ergeben seine Hände in die Hosentaschen. Erneut bekam er Kontakt mit dem Wunder-Kästchen. Die kurze Berührung genügte, ihm mit leichtem Prickeln Zuversicht einzuflößen. "Blick aufwärts", raunte es mit Dianas Stimme tief aus seinem Unterbewußtsein. Gehorsam sah er hoch und ... konnte kaum glauben, was er sah. In der Blickrichtung stand mitten auf dem Höhlenboden ein zylinderförmiges Gebilde aus unbestimmbarem Material. Die masse, aus welcher der Gegenstand gemacht war, leuchtete aus sich heraus und überstrahlte das Phosphoriszieren der Höhlenwände fast so hell wie Tageslicht. Dieses rätselhafte Ding zog ihn magisch an. Langsam wie im Schlafwandel erhob er sich und ging darauf zu. Als er nur noch einen Schritt davon entfernt war, öffnete sich eine der Seiten, als würde ihn der Zylinder zum Einsteigen auffordern. Ohne einen eigenen Gedanken fassen zu können stieg er ein. Augenblicklich schloß sich die Hülle um ihn und er nahm auf der Bank im Innern des Gegenstandes Platz.

Was nun geschah, erschien ihm mehr oder weniger wie ein Traum. Der Zylinder erhob sich vom Boden und schwebte erst langsam, dann immer rascher aufwärts. Die Wände um ihn waren durchsichtig. Er sah, daß es den vulkanischen Kamin hinauf und hinaus ging. Außerhalb stieg das Ding in den Nachthimmel hinauf. Keinen Augenblick zu früh. Fast gleichzeitig mit ihm folgte glühende Lawa, die sich über den Kegel ins Tal ergoß. Entsetzt sah er abwärts und griff haltsuchend nach dem Kästchen. "Blick aufwärts", murmelte Diana in seinen Gedanken und er gehorchte.

Rascher, immer rascher schoß der Zylinder in den Nachthimmel hinauf, gewann an Tempo und bald schon raste er dem Vollmond entgegen. Wäre seinerzeit die Apollomission mit einem deratigen Tempo abgelaufen, hätte das eine Sensation gegeben. Jedenfalls dauerte seine Fahrt nicht mal eine geschätzte Stunde. Sanft kam die zylindrische Hülle auf dem Erdtrabanten zu stehen. Silverstone sah zum Mondzenit hoch auf eine fast dunkle Erde zurück, auf der da und dort Lichtflecken die großen Städte markierten.

Gut, nun war er auf dem Erdmond gelandet. Und was nun?
Verzweiflung wollte ihn beim Anblick seiner geliebten Welt ergreifen, sein müdes Herz überschwemmen, ihm jegliche Zuversicht rauben. Wie sollte er, ein einfacher Journalist, allein diese Riesenaufgabe bewältigen und seine teure Erde vor dem Untergang retten! Die großen Städte, die als Lichtpunkte zu ihm herüberwinkten, würden bald unter dem atomaren Feuer ausgelöscht. Heiße Tränen der Verzweiflung nässten seine Augen. Nein, es war ausgeschlossen, daß er das schaffen würde und es wäre besser, wieder auf die Erde zurückzukehren, um mit den anderen zu sterben. Ärgerlich wollte er die Tränen fortwischen und suchte nach einem Taschentuch. Da fand seine Hand das Kästchen der alten Mutter Day. "Blick um dich", raunte Diana in seinem Innern. Er riß sich zusammen, löste sich von dem traurigen anblick einer zum Untergang verdammten Erde und sah sich innerhalb der Kapsel um. Eigenartig, daß er trotz des engen Raums immer noch genug frische Luft zum Atmen hatte. Und doch war kaum Platz für eine umfangreiche Versorgungsapparatur. Den Gedanken schob er erst mal als müßig von sich und besah sich einige Ausrüstungsgegenstände, die so etwas wie einen Raumanzug darstellen mußten. Die bequemen Kleidungsstücke paßten ihm ausgezeichnet. Der Helm ließ sich mühelos aufsetzen und das Ventil für die Luftzufuhr aufdrehen. Gleich darauf öffnete sich auch wieder die Seitenfront seines Zylinders. Er ging hinaus und betrat - wie seinerzeit Nils Armstrong - den Mondboden. Allerdings fühlte er sich weniger pathetisch dabei. Was ihm gefiel, war, daß man hier regelrechte Siebenmeilen-Schritte vollführen konnte, ohne dabei sonderlich zu ermüden. Immer der berühmten Nase nach entfernte er sich von seiner Mondfähre und gelangte bald in ein Tal. Scharf hoben sich die Schatten vom hellerleuchteten Boden ab. Weiche Übergänge gab es nicht. Und es brauchte eine Weile, bis sich das Auge an die in tiefer Finsternis liegenden Bereiche gewönt hatte, um etwas wahrzunehmen. Was er sah, war ebenfalls eine Höhle, die Vulkanismus gebildet hatte.

Einigermaßen ratlos verharrte er davor und tastete fast schon automatisch nach der Hosentasche mit dem Kästchen. "Geh dort hinein", kam Dianas klare Antwort auf seine stumme Frage. Auch hier zog ihn etwas im Inneren der Grotte magisch an. Er tappte weiter, wunderte sich kaum noch über die Tatsache, daß er trotz tiefster Finsternis und ohne eine Art Helmbeleuchtung sehen konnte. Im Höhleninnern gab es sonderbare Artefakte, die er nicht zu benennen wußte. Instinktiv ging er zu einem rautenförmigen Etwas und legte seine behandschuhte Hand darauf. Wärme ging von dem Teil aus, durchströmte bald seinen Arm, dann seinen ganzen Körper. Er empfand seelisches Wohlbehagen, wie er es seit Jahren nicht mehr empfunden hatte. Mit einem mal begriff er, was er tun mußte, was Sinn und Ziel seiner Mission war.

Mit langen Schritten kehrte er zur Fähre zurück, betrat das Innere und steuerte durch einfache handbewegung das Fahrzeug zur Höhle hinüber. Ohne großen Kraftaufwand trug er alles, was er in der Grotte fan, ins Innere des Zylinders. Eigentlich hätte es ihn verwundern sollen, daß die vielen unterschiedlich geformten Gebilde mit ihm zusammen im Innern der Fähre Platz fanden. Aber - wo sollte sein Verwundern beginnen und wo aufhören? Bald war es geschafft, bald hatte er sich im Fahrzeug seines Raumanzugs entledigt und auf der Bank Platz genommen. Ohne Verzug startete das Flugobjekt die Rückfahrt zur Erde.

John Silverstone war mit großer Besorgnis davon ausgegangen, daß der Flug ihn wieder in den isländischen Vulkan zurückführen würde und zweifellos mitten in den aktiven Ausbruch hinein. Aber er sah sich angenehm getäuscht. Es war die karge fast vegetationslose Oberfläche eines einsam im Pazifik gelegenen Eilands, auf dem er landete. Zu seinen Häupten stand noch der hell angestrahlte Vollmond, den er vor kurzem verlassen hatte. Auf einen inneren Impuls hin räumte er alle Gegenstände der Mondhöhle aus dem Fahrzeug und baute sie in einem Kreis auf der Insel auf. Kaum war das erledigt, verschwand der zylinder, um kurz darauf zurückzukehren. Die Wand öffnete sich und eine mit vielen Falten lächelnde Mutter Day kam zum Vorschein. "Ich sehe, daß du alles brav erledigt hast", bemerkte sie mit meckerndem Altweiberbass. "Wo kommst du denn her?", konnte er nur stotternd fragen. "Dummkopf! von daheim natürlich. Der magische zylinder hat mich abgeholt, damit wir beide die Rettung der Welt vollenden." "Wie bitte?!" Das war zuviel für ihn. Er und die Alte sollten ein unmöglich erscheinendes Werk vollenden? Völlig erschöpft ließ sich John auf den felsigen Boden der Insel sinken. Das war absurd, klang völlig durchgeknallt! Nicht mehr und nicht weniger als die Rettung der Welt sollte hier geschehen. Das faßte er nicht. Die Alte kam noch breiter lächelnd auf ihn zu: "Komm, gib mir deine Hand." Er gab sie ihr und mit der anderen berührte sie einen der geometrischen Gegenstände vom Mond. Auf einen Wink ihres Kopfes hin reckte er seine andere Hand zu einem weiteren Gegenstand, auf dessen Berührung hin eine Art heißen Stroms ihn durchpulste. So blieben sie eine Weile bewegungslos stehen und blickten zum Mond hinauf. Der bewegte sich allmählich über den Nachthimmel. Bevor er den jenseitigen Rand des Horizonts erreicht hatte, war das Werk vollendet. Ja, es war geschafft, das spürte John Silverstone bis in die letzte Zelle seines Seins. Jubel durchwärmte ihn. Liebe und Frieden machten ihn hell und er begrüßte die ersten Strahlen der Sonne mit einem alles erfassenden Lächeln. Alles? Er wandte den Blick und wollte auch Mutter Day mit einbeziehen und ... war vor Schreck erstarrt. Seine Hand hielt nicht die runzlige Kralle der Alten. Es war das wunderhübsch geformte Händchen Diana Browns. Sie sah ihn ein wenig spöttisch an: "Ja, ich bin es, Mutter Day und Diana, die du heimlich verehrst."Aber, aber ..." "Wie das zugeht, willst du wissen? Ganz einfach. Eine Schauspielerin kann auch in die rolle einer alten Frau schlüpfen." "Gut", nickte John, "doch da war mehr als reine Schauspielerei. Was ich in den leztten Stunden erlebte, grenzte an Magie." Ein feines Lächeln spaltete ihren Kirschmund und ließ das Perlenband weißer Zähne blitzen: "Ein wenig Magie war tatsächlich dabei. Vor allem mußte ich damit dich gewinnen." John löste erregt seine hand aus der ihren: "Wieso ausgerechnet mich? Ich bin doch nur ..." "Unsinn. Du bist etwas ganz besonderes, daß es heute nur noch selten gibt. Du verfügst über Treue, Pflichtbewußtsein und vor allem über eine starke Fähigkeit zu lieben." Er senkte den Blick. Sanft griffen ihre Hände nach seinem Kopf und sie zog ihn zu sich herab, bis sich ihre Lippen berührten. John versank in den Wogen seiner aufgewühlten Gefühle.

Friede kehrte ein in alle Herzen. Menschen untereinander, Völker miteinander lebten wieder in Frieden. Ehepaare fanden zur alten Harmonie zurück. Kinder liebten ihre Eltern und Eltern ihre Sprößlinge. Das Wahnsinnsarsenal tötlicher Waffen wurde abgebaut. Die Welt war gerettet.

Auf einer einsamen Insel mitten im Pazifik lösten John und Diana ihre Lippen voneinander, lächelten sich an und bestiegen gemeinsam den Zylinder. "Wer bist du eigentlich?", wollte John Silverstone nach einer Weile des Schweigens wissen. "Aha, endlich fragst du danach", schmunzelte die Filmdiwa. "Zwei meiner möglichen Erscheinungsformen hast du ja kennengelernt. Eine dritte Art erfährst du, wenn wir meinen Heimatplaneten besuchen." "Deinen was?", staunte John. "Serania", sagte sie, als wäre es ein Ort wie New Orleans. "Aber das liegt doch ..." "Ja, das ist außerhalb des solaren Planetensystems und gehört zur Wega." Silverstone schüttelte den Kopf: "Was ich in wenigen Stunden alles erleben muß" Ich liebe eine Leinwand-Göttin, lerne eine alte Wetterhexe näher kennen, rette mal eben die Menschheit und fliege mit einer Außerirdischen zur Wega. Ein wenig viel auf einmal, oder?" Sie knuffte ganz leicht seine nase: "Die alte Wetterhexe nimmst du zurück. Mutter Day galt als weise Frau und stand hoch im ansehen." "Gut", lachte er, "einverstanden. Aber wo geht es zuerst hin?" "nach Hause, Dummerchen. Wir werden heiraten."

Zufrieden kehren Diana und John in eine heile Welt zurück. Ob dies lange andauern wird, bleibt abzuwarten. Schließlich steht ihnen ja noch eine andere zur Verfügung. Aber das soll der Inhalt einer späteren Geschichte sein.

(c) 26. September 2005

 



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