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Hanno ErdweinGigantusEs war eine schwere, sehr schwere Geburt. Mutter Nastasia hätte dabei beinahe ihr Lebenslicht ausgehaucht. Als das Kind, ein dreifach so großer Säugling wie normal seinen ersten Schrei ausstieß, hielten sich alle die Ohren zu. Das Gebrüll hätte sonst jedes Trommelfell zerfetzt. Der Vater sah entsetzt auf den in seinen Augen mißratenen Sproß hinab und murmelte etwas von in der Dýina ersäufen. Mutter Nastasia, der man gerade die riesige Unterleibswunde vernäht hatte, schrie entsetzt auf und legte ihren Arm schützend auf das Neugeborene. Alexej sah sie wütend an: "Was sollen wir mit dem Wechselbalg? Der frißt uns bettelarm und Väterchen Staat gibt uns keine Kopeke dazu." "Aber er ist unser Kind, unser lieber Petruschka. Wir versündigen" uns nicht!" "Quatsch versündigen, Alte. Diese Mißgeburt kommt durch die vielen Atomversuche, die hier gemacht wurden. Wir armen Kohlbauern müssen immer stillhalten, wenn was schiefgeht. Die reichen Sesselfurzer im fernen Moskau sind ja weit genug weg. Die spüren keine Strahlung, bekommen keinen Krebs und keine Mißgeburt." Alexej Plutow schimpfte noch eine ganze Weile weiter auf das, was man ihm und den seinen von ganz hoch oben angetan hatte. Aber es half nichts. Petruschka Plutow blieb am leben, fraß für drei und wuchs in einem wahnsinnigen Tempo. Nach sechs Wochen paßte er in keinen herkömmlichen Kinderwagen mehr. Im Verlauf eines halben Jahres schoß er dermaßen in die Höhe, daß er auf dem Küchenstuhl sitzend mit dem Kopf über den Tisch ragte. Auch lernte er beängstigend rasch das Sprechen und vor allem die übelsten Flüche. Mutter Nastasia bekreuzigte sich jedesmal, wenn ihr Liebling mit pubertär angerauter Stimme seinen Vater einen Hurenbock nannte. Mit zwei Jahren überragte er seine Mutter um Kopfeslänge, mit drei sah er höhnisch auf seinen Erzeuger herab. Jeder Versuch, das Kind erziehen zu wollen, endete katastrophal. Der liebe Petruschka verprügelte seinen alten Herren, trat ihn so heftig in den Steiß, daß er tagelang nur auf dem Bauch liegend schlafen konnte. Einmal wuchtete er Väterchen Alexej auf's Scheunendach hinauf und ging brüllend vor Lachen davon. Den alten Plutow mußte man mit der Feuerleiter auf den Erdboden herunterholen. "Was sollen wir nur mit dem Bengel anfangen", grübelte er laut vor sich hin. "Zur Schule will er nicht gehen und zum Arbeiten ist er noch zu jung." "Überlaß es dem himmlichen Vater Mann, der wird es schon richten", riet die fromme Nastasia. Aber nichts wurde gerichtet. Lesen und Schreiben lernte Petruschka so im Vorübergehen. Er war von überaus rascher Auffassungsgabe. Hatte er etwas begriffen, durfte ihm niemand weitere Erklärungen dazu geben, ohne um Leib und Leben zu bangen. Der kindliche Riese zeigte sich äußerst gewalttätig. Bald ging man ihm geflissentlich aus dem Weg, selbst diejenigen, die ihn eine Zeitlang bewundert hatten und ständig um ihn herum waren, mieden ihn mit ängstlichem Blick, wenn er die Straße herunterkam. "Ich hau ab", verkündete er nicht lange nach seinem siebten Geburtstag. "Bei euch gibt es nicht genug zu fressen." Das stimmte. Alexej hatte sich stets bemüht, auch diesen nimmersatten Riesen mitzuversorgen. In letzter Zeit allerdings gestaltete sich die Nahrungsbeschaffung immer schwieriger. Petruschka verschlang Unmengen an Huhn, Rind- und Schweinefleisch. Ganze Brotleiber verschwanden in seinem gierigen Schlund. "Ich werd ab sofort für mich selbst sorgen", grollte der bereits drei Meter fünfzehn messende Gigant. Und das war auch fortan sein Spitzname, auf den er sich etwas einbildete: Gigantus. Nutter Nastasia blickte ihrem Liebling in Gränen aufgelöst nach. Alexej hingegen murmelte vor sich hin: "Hätte ihn damals doch besser in der Dwina ersäuft." Diesen Ausspruch sollte er bald noch häufiger, dann aber lauthals äußern. Gigantus Petruschka machte die Gegen regelrecht unsicher. Zuerst versammelte er eine wilde Schar von Outlors um sich, die ihn als Kapo akzeptierten und verehrten. Dieses Geschwänzel und ewige Gewinsel machte ihn bald verrückt und er jagte sie davon. Als Wegelagerer und Raubritter alter Schule - er hatte ja mit Vorliebe solche Mantel- und Degen-Romane gelesen, überfiel er alles, was irgendwie nach Nahrungstransport aussah. Täglich putzte er einen ganzen LKW leer, wobei er dem Fahrer, der sich immer wie wild gegen den Überfall zur Wehr setzte, schlankweg das Genick brach. Sein Hunger mehrte sich proportional mit seinem Wachstum. Mit acht Jahren maß er vier Meter zehn, mit neun bereits über fünf Meter. Seine Beine waren ausgewachsene Baumstämme, die Arme glichen beweglichen Schiffsmasten. Wenn er sprach, glaubte man, ein Erdbeben auf sich zugrollen zu hören. Zu dieser zeit stillte er mit ganzen zwei LKW-Ladungen pro Tag seinen Hunger. Den Durst löschte er an einem Bach, der kurz darauf trocken fiel. Die Angelegenheit sprach sich rum. Zunächst glaubte man diese Stories aus der Hinterwelt ganz einfach nicht. Die tumpen Bauern spannen doch eh immer ihr ungereimtes Garn. Dann aber ging ein großer Transporter mit lebenden Hühnern verloren. Und als dieser Sache nachgegangen wurde, war Gigantus Petruschka mit einem Schlag berühmt. Es begann ein wilder Tourismus an die Dwina. Doch diejenigen, die glaubten, ihre Neugier vor Ort befriedigen zu können, kehrten entweder als Krüppel heim oder zahlten das Abenteuer mit dem Leben. Der Riese ließ niemanden an sich ran. Mit einem mal schlug die Volkesmeinung um. Gigantus war nicht länger der Held des Tages. Nun nannte man ihm Monster und gemeingefährlich. Staatlicher Schutz wurde gefordert. Man wollte Gigantus ans Leben. Doch das war gar nicht einfach. "Da vorne ist er", spricht der Reporter ins Mikrofon. "Panzerwagen rollen auf den mindestens fünfzehn Meter hohen Riesen zu. Der steht lässig auf einer Kuhweide, die mit Rinderknochen bedeckt ist. Überreste der Verfressenheit dieses Monsters." Der Reporter zieht ein Taschentuch und wischt sich den Schweiß. Es ist ein heißer Julitag. Dann greift er wieder zum Mikrofon und spricht hastig hinein: "Der Unmensch kommt Arme schwingend auf die gefechtsbereiten Fahrzeuge zu. Bückt sich. Greift einen der tonnenschweren Jeeps bei der Stoßstange und schleudert ihn über seinen Kopf weg in die Dwina. Mann hat der Kraft! - Und was macht er jetzt? Aus den anderen Fahrzeugen wird das Feuer auf ihn eröffnet. Maschinengewehre und Mörsergeschütze. Unglaublich! Die Munition prallt an ihm ab wie an Diamantstahl! Querschläger jaulen umher. Da, jetzt wirft er den zweiten Wagen in die Tiefe. Der Kerl räumt auf und lacht dabei ein ohrenzerfetzendes brüllendes Gelächter." Der Reporter klemmt sich das Mikrofon unter den Arm und hält sich die Ohren zu. Von fern her knattern Hubschrauber näher, die als Verstärkung angefordert wurden. Hastig nimmt der Reporter wieder das Mikro vor den Mund: "Gigantus wird nun aus der Luft attakiert. Granaten und kleinere Raketengeschosse sollen ihn auslöschen. Aber auch das scheint schief zu gehen. Die Granaten bleiben wirkungslos. Einige der Raketen wurden von seinen blitzschnell reagierenden Händen abgefangen und umgedreht. Drei Hugschrauber hat er auf diese Weise erledigt. Es ist ein unglaubliches Schauspiel, was sich unseren staundenden Augen hier bietet. Ein Mensch, ein riesengroß geratener Junge wird wie eine ganze feindliche Kompanie angegriffen und bleibt unverletzt. Er hätte längst in tausende Einzelteile zerlegt sein sollen. Aber da greift er schon wieder an, reckt sich streckt sich nach einem sehr tief fliegenden Hubschrauber und holt ihn aus der Luft. Krach, da liegt das Flugzeug zerschmettert auf der Straße. Das beste unserer modernen Kriegsgeräte bleibt erfolglos an der Urgewalt dieses Monsters. Und ich sehe, wie sich nach und nach die Angreifer resigniert zurückziehen. Soll man entsetzt sein oder Beifall klatschen? Wir, die Zuschauer dieses unmöglichen Ereignisses sind zwiegespalten. - Und damit gebe ich zurück an die Funkhäuser." Weitere Angriffe mit anderen, mit tödlicheren Waffen scheiterten an der Unverletzbarkeit von Gigantus. Nachdem auch kleinere nukleare Gefechtsköpfe wirkungslos an ihm abprallten, versuchte man es auf eine andere Art. Verhandlungen wurden geführt. Gigantus sollte gegen reichlich Nahrung in die Landesverteidigung übernommen werden. Für solches ansinnen hatte Petruschka nur ein dröhnendes Hohngelächter. Die Lockspeise, zehn Tieflader mit lebenden Schweinen, verspeiste er zwar höchst zufrieden, merkte auch nicht, daß ihm dabei eine Menge an Narkotika verabreicht wurde. Doch die Droge blieb zum Entsetzen der Verantwortlichen wirkungslos. Daraufhin ließ man Gigantus in Ruhe seiner Wege ziehen und hoffte, daß er Richtung Sibirien verschwinden würde. Die Hoffnung ging auch auf - allerdings anders, als man dachte. Petruschka steuerte Baikunur an, den russischen Raumhafen. Als er dort ankam, war er elf jahre alt und maß stolze fünfundzwanzig Meter. Seine Schritte ließen den Erdboden regelrecht erzittern. Was hatte er hier vor? Wollte er in den Weltraum? Richtig - nicht mehr und nicht weniger strebte er an. Doch die herkömmlichen Raumfähren waren für seine gewaltigen Ausmaße zu klein. Das focht ihn aber nicht an, um sein Vorhaben aufzugeben. Nach ein wenig Handgreiflichkeit, bei dem einige krankenhausreif, andere für den Bestatter zurechtgemacht wurden, ließ man sich überzeugen, daß Gigantus geholfen werden mußte. Auch aus Moskau kam Order, den Forderungen nachzugeben, damit die Erde dieses höchst lästige Vieh endlich los sein würde. Tag und Nacht plante, entwickelte, baute und testete man. Gigantus erhielt eine Spezialanfertigung des üblichen Kosmonauten-Anzugs, in den er auch dann noch hineinpassen würde, wenn er um einige Meter gewachsen sein sollte. Auch die Rakete war gigantisch, ebenso die Raumkapsel an ihrer Spitze. Sie beherbergte unter anderem eine sensationelle Neukonstruktion einer Maschine, die aus gewöhnlichem Gestein oder auch anderen Urelementen wie sie im ganzen Kosmos zu finden sind, Nahrung und Trinkwasser synthetisieren konnte. An dieser Erfindung war Gigantus selbst maßgeblich beteiligt. Die Maschine - die auch heute noch ein wichtiger Bestandteil für die Weltraumfahrt darstellt - wird dankbar Gigantomat genannt. Am 18. Oktober war es so weit. Petruschka stieg in seine Raumkapsel. Beim Start erhob sich eine gewaltige Feuersäule, die das monströse Raumschiff schwerfällig auf den Weg brachte. Eine Weile stand das Schiff als zweiter Mond am Nachthimmel. Dann verließ es die Erdbahn, strebte zu den Planeten hinaus und war nur noch in den starken Teleskopen der Astronomen zu erkennen. Wohin wollte der Riese? Wie ein übergroßer Buddha hockte Gigantus in seiner Kapsel. Mit kleinen RakeTen-Treibsätzen ließ sich die Flugbahn immer wieder korregieren. Endlich war er zufrieden. Monate, Jahre dauerte die Reise, die er mit Privatstudien in seiner Bordbibliothek überbrückte. Ursubstanz für seine Nahrung hatte er auch genug gebunkert. Die Bahn des Mars, die des Jupiters ließ er hinter sich. Saturn kam in Sicht mit seinen Monden. Einen davon steuerte er gezielt an. "Sei willkommen Gigantus Petruschka. Du bist einer von uns." Enorm hohe Zweibeiner umstanden den Neuankömmling, der sich zum ersten mal in seinem Leben klein vorkam. "Noch bist du ein Jüngling", sprach der Anführer freundlich auf ihn ein. "Aber eines schönen Tages wirst du ein Titane unter titanen sein." "Titanen? Also gibt es sie doch", staunte Petruschka. "Ich habe die Sagen für fabulierte Geschichten gehalten." "Und doch bist du aus eigenem Antrieb zu uns gekommen", lächelte der Anführer. "Das tat ich ... aber ich weiß nicht wie und weshalb. folgte einfach nur dem Impuls." Der riesige Titane lächelte mild: "So ist das von uns seit Alters her programmiert. Endlich ist man auf der Welt so weit, aus eigener Kraft die planetaren Distanzen zu überwinden. Warte nur, bald werden mehr deiner Art diesen Weg finden und hier auftauchen." "Weshalb aber ..." Der Anführer winkte ab: "Ein uraltes Projekt, welches wir zu Beginn der menschlichen Zivilisation angestoßen haben. Wir - die Titanen - landeten damals auf der Erde und legten den Grundstein für die allmähliche Entwicklung." "Weshalb so mühsam?" "Wir sind im Laufe der Jahrhunderttausende unfruchtbar geworden und dem Aussterben nahe. Wir benutzten die Menschheit, unsere eigene Spezies zu reproduzieren." Gigantus zog nachdenklich die Stirn in Falten: "Ist das nicht reichlich unmoralisch, eine ahnungslose Welt zu mißbrauchen?" "Genaugenommen schon. Aber die Erde profitiert davon. Nimm nur die Maschine, die du erfunden hast. Sie ist jetzt schon ein enormer Fortschrittsschub für die Menschheit. Und so wird es weitergehen. Jeder Titane, der die Erde verläßt, bereichert die Wissnschaft um ein Juwel der Erkenntnis." Endlich war es Gigantus Petruschka zufrieden. Ließ sich von Seinesgleichen in die Mitte nehmen und in sein neues Zuhause führen. Und es wurde wirklich eine Heimat für ihn für ein sehr langes Leben. (c) HE 20. Sept. 2005
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