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Neues von der Fleischtheke (IX)

Betreff : Gehacktes, gemischt
Datum : Di 03.01.95, 20:07




Ein mildtaetiger Schnee bedeckt alle Versaeumnisse im Garten.
Ich mache mich gegen 15 Uhr am Dienstag auf den Weg ins
Dorf. Ich will Gehacktes kaufen und die Post aufgeben. Die
Sonne wagt sich hervor. Die Welt bekommt Farbe.

Der Supermarkt ist so klein und teuer, dass ich mich jedesmal
aergere, wenn ich ihn "Supermarkt" nenne.
Lebensmittelapotheke mit 100 Prozent Zuzahlung; niemand kann
sich dagegen versichern. Aber ich kann das Auto stehen
lassen.

Ich versuche, ueber die Strasse zu kommen, springe mehrfach
zurueck in den Matsch, um den Fahrzeugen auszuweichen. Eine
Frau neben mehr will eine Kiste mit frischen Broetchen ans
andere Ufer bringen. Wenn sie angekommen sein wird, werden
die Broetchen nicht mehr frisch sein, denke ich. Ein Mann auf
der anderen Seite gibt ihr optische und akustische Hinweise
zum laufenden Verkehr, hat den Kofferraum schon geoeffnet.
Ich schliesse die Augen und betrete die Fahrbahn, ein Polo
haelt und laesst mich hinueber. Die Frau folgt uebergluecklich.

Der Laden ist leer, das Personal mit Einraeumen beschaeftigt.
Andrea, die Tochter der Besitzerfamilie, gruesst freundlich.
Sie ist die einzige, die immer freundlich ist, zu jedermann.
Wir kennen uns jetzt seit dreieinhalb Jahren. Sie verbreitet
Sonnenschein um sich, was immer sie auch tut. Solche
Menschen sind mir kostbar.

Die Fleischereifachverkaeuferin - ihren Namen habe ich noch
nie gehoert -ist heute nicht da. Die Dame vom Brot vertritt
sie, ist aber gerade im Lager verschwunden. Ich muesste meinen
Wunsch nach Gehacktem irgendwie deutlich machen - aber da
holt ein Telefonklingeln sie aus dem rueckwaertigen Raum.
Hoffentlich dauert das nicht lange.
Ich studiere das Konservenangebot im Regal neben der
Fleischtheke.
Die Verbindung scheint schlecht zu sein; ich kann jedes Wort
hoeren.

- Wen wollen Sie sprechen? Andrea?
Mit wem spreche ich?

Sie wiederholt den Namen. Es ist mein Name.

- Moment. Sie heisst uebrigens jetzt Baumann.

Sie legt den Hoerer zur Seite und ruft durch den Laden:

- Andrea!

Die Gerufene kommt hinter die Theke, nimmt den Hoerer:

- Wer spricht bitte? Herr Moeller?

Ich bin jetzt dran, bestelle mein Hackfleisch, das hier
immer frisch gehackt wird. Das dauert seine Zeit. Hackzeit.

- Ja, ich erinnere mich. Sie sind doch der Herr, der hier
seit drei Jahren einkauft. Sie kommen ja fast jeden Tag.
Aber ich wusste nicht, wie Sie heissen. - Wie bitte? Ich
verstehe Sie nicht. - Ja, ich habe vor vier Wochen
geheiratet. Sie haben mir doch selbst gratuliert!

Es wird mir langsam unheimlich, ich wende mich wieder den
Konserven zu.

- Ich habe um halb sieben Schluss, wieso? - Ach, das ist ja
eine reizende Idee! - Natuerlich! Gern. Wohin denn? - Das
trifft sich gut: Ich habe einen Riesenhunger. - Was? Sie
haben eine Geschichte ueber mich geschrieben? Die muessen Sie
mir unbedingt vorlesen! Ich liebe Geschichten! - Sie
scherzen...

Das kann doch nicht ewig dauern, ein Dreiviertelkilo Hack!

- Ich doch nicht! Und beim Friseur war ich auch nicht! -
Wenn Sie meinen... dann bringe ich mal was zum Auswaehlen
mit. Aber ich moechte dann auch Abzuege davon haben, bitte.
Ich muss mich halt nur noch frisch machen. Aber ich kann
bestimmt heute etwas frueher Schluss machen. - Dochdoch,das
geht schon in Ordnung. - Ich mich auch! Bis dann.

Sie strahlt, legt den Hoerer auf und geht wieder an die
Arbeit.

- Darf es sonst noch etwas sein?

Ich verneine. Wir haben noch Schinken im Kuehlschrank. Der
schmeckt zwar schon stark nach Gummi, aber er war teuer.

Als ich schon fast zuhause bin, merke ich, dass die Strasse
diesmal voellig frei war.

Ich bin gespannt, wer mir die Tuer oeffnen wird.

(c) Simon Croll


 



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