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Hanno Erdwein

Literatur und Lebensmittel

Wie das alles begann? So recht weiß das heute keiner mehr. Selbst
die weißhaarige Constance nicht, die es eigentlich wissen müßte.
Vermutungen machen die Runde. Eine geht so:

Eines Tages sah sich Constance Breuer in ihrem kleinen aber gut
sortierten Lebensmittelladen um, stellte fest, daß ein Gutteil
der Kundschaft zum SB-Laden an der Ecke abgewandert war und
beschloß, etwas dagegen zu unternehmen. Veränderungsswütig winkte
sie ihrer Schwester Miranda. Und beide schleppten das stets vor
sich hinmüffelnde, jetzt überflüssig gewordene Sauerkrautfaß auf
den Hof. In die freigewordene Ecke schoben sie einen Tisch,
deckten ihn mit einer von Miranda gehäkelten Decke, stellten
Stühle dazu. Und fertig war die Leseecke.

So könnte es gewesen sein. Vielleicht war es aber auch viel
simpler:

Constance Breuer hatte viel Zeit, zuviel für einen ehemals
florierenden Tante-Emma-Laden. Meist saß sie mit ihrer schwester
Miranda im kleinen Nebenzimmer, tranken Muckefuck - guten Kaffee
konnten sie sich schon nicht mehr leisten - und spielten Karten.
Traurig sah Constance aus dem Fenster, beobachtete, wie immer
mehr alte Kundschaft dem SB-Laden an der Ecke und den unverschämt
preiswerten Sonderangeboten zustrebte. "Der muß sich doch
ruinieren bei den Preisen", stöhnte sie, paßte nicht auf und
verlor wieder ein Spiel. "Laß uns den Laden aufgeben", schlug
Miranda wieder einmal vor. Constance biß sich auf die Lippen und
schüttelte den Kopf: "Nein! Mit sechzig bin ich noch lange nicht
zu alt zu kämpfen!" Tack, tack, tack. Das weiße Blindenstöckchen
Degendorfs wurde hörbar. Für einen Moment verhielt der Organist
an der Ecke. "Der also auch", seufzte Miranda. "Nein, er kommt
her!" Constance warf die Karten hin. Zwei Trümphe, wie Miranda
schadenfroh feststellte und rasch die Karten durcheinander warf.
Und als die Ladenglocke die Tonleiter hinauf und wieder
hinunter bimmelte, standen sie hinter dem Ladentisch. "Liebe Frau
Constance", begann Degendorf, sich nach links wendend, wo für
gewöhnlich die Ladeninhaberin zu stehen pflegte. In der Eile
hatten die Damen aber ihre Plätze getauscht, so daß Constance ihm
von der anderen Seite antwortete. "Was darf es sein, Herr
Oswald?" Sie kannten sich lange genug, um sich beim Vornamen zu
nennen, ohne das vertraulichere Du zu bemühen. Degendorf wandte
sich lächelnd zur anderen Seite: "Ich hab eine außergewöhnliche
Bitte", schob die Hand in die Jackentasche, zog ein Büchlein
daraus hervor und legte es auf den Ladentisch. Constance rückte
erstaunt ihre Brille zurecht: "Deutsche Gedichte von Brentano bis
Celan", las sie. "Ja", schluckte Degendorf, "Ich weiß, daß sie
nun ein wenig mehr Zeit ..." Miranda räusperte sich geräuschvoll.
"... und ich soll eine Kantate zusammenstellen, selbst zu dem
einen oder anderen Text etwas komponieren." "Ja?", in Constances
Augen glitzerte es unternehmend. "Und weil ich niemanden hab, der
besser geeignet wär - ich meine, ich kenne niemanden mit mehr
Einfühlungsvermögen als ..." "Du bekommst aber heut mächtig
Zucker in deinen Kaffee", lästerte Miranda. Galant strahlte
Degendorf in die andere Richtung: "Sie könnten sich auch gern
ablösen, liebe Frau Miranda. Auch ihre Stimme eignet sich sehr
für Lyrik."

So hätte es durchaus beginnen können. Erst standen sie vorn am
Ladentisch. Degendorf stüzte sich auf seinen Stab und Constance
las mit melodischer Stimme: "Ich sah ein Blümlein blaue ..." Ab
und an wurde die Lesung von einem hereintretenden Kunden
unterbrochen: "Sechs Eier und ein Viertel Holländer." Miranda
bediente rasch und stellte sich wieder in Hörweite. Auch sie
liebte Lyrik über alles. "Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll.
Ein Fischer saß daran."

Die Sache sprach sich rum. Kundschaft kam, der schönen Gedichte
wegen. Stand und lauschte. Und wenn Miranda fragend in ihre
Richtung blickte, dann fiel ihnen ein: "Ach ja, ein Päckchen
Tabak und von den Minzbonbons eine Tüte." Irgendwann in dieser
Zeit schafften sie tatsächlich das Sauerkrautfaß in den Hof und
richteten die leseecke ein. "Besten Dank, liebste Constance",
freute sich Degendorf. "Ach, wissen sie, Oswald", seufzte sie,
"ohne ihre Vorlese-Idee hätte ich das Geschäft längst
aufgegeben." Degendorf schmunzelte: "Ich weiß." Zog ein weiteres
Büchlein aus der Tasche. "Heine, Deutschland - ein
Wintermärchen", las die Breuers erstaunt. "Wollen sie dazu auch
komponieren?" Degendorf drehte den Kopf zur Seite und verbiß sich
ein Lächeln.

Immer mehr Kundschaft kam zu den Vorlesungen. Und auch der
Verkauf zeigte erfreuliche Tendenz. "Sie, Frau Breuer, das Buch
ist gut. Wo kann ich es kaufen?", hörte man immer wieder. So fand
man bei den Zeitschriften auch das eine oder andere Buch,
aus dem gerade vorgelesen wurde. "Der SB-Laden hat nun auch eine
Bücherecke", meldete Miranda, die ab und an das feindliche Lager
inspizierte. "Aber sie haben keine constance, die vorliest."
Allgemeines Gelächter. Jeder hatte den dicken Torfmann vor Augen,
wie er mit Fistelstimme und sächsischem Dialekt "Ich ging im
Walde so für mich hin .." deklamierte.

Eines Tages stand ein bleicher junger Mann in der Tür und sah
scheu zum Lesetisch hinüber. "Ja", fragte Miranda hilfsbereit.
Der Junge schloß die Tür und kam an den Ladentisch. "Ich hab da
was ...", begann er stockend. "Sie möchten etwas vorgelesen
haben?", half Miranda nach. "Dann wenden sie sich an meine
Schwester. Constance schlug gerade die letzte Seite von "Aus dem
Leben eines Taugenichts" auf. "Hmmm, ja, äh, es ist ..." "Ist es
ein spannendes Buch?", lockte Miranda. "Nein, es - es ist." "Es
ist doch sicher anständig, oder? Pornographie lesen wir nicht."
Der Jüngling wurde puterrot. Schüttelte entschieden den Kopf und
blätterte verkrampft in den Seiten. "Nein, das nicht. Es ist von
mir." "Ah, sie sind ein Dichter?!" Noch tieferes Rot auf den
kindlichen Wangen. "Das wär zuviel behauptet. Ich schreibe nur
ein wenig. Bin von Beruf ... hrrm ... Steuerfahnder." Jetzt war
es an Miranda, Röte zu zeigen. Erstes Lächeln auf den Wangen des
Dichters. "Keine Angst, bin privat hier."

So gab es eine zweite Schiene im Laden Constance Breuers:
Förderung junger Talente. Und das lockte immer mehr Kundschaft
an. Bald wurde die Leseecke zu klein. Kurz entschlossen räumten
die Damen das Hinterzimmer und richteten dort den "Lesesalon"
ein, der bald stadtbekannt wurde. Der Laden blühte und gedieh von
Woche zu Woche prächtiger. Torfmann ergraute zusehens. Seine
Bemühungen fruchteten nichts. Es gab kein noch so kräftiges
Zugmittel gegen Constances Vorlesungen einzusetzen. Selbst
Schleuderpreise, die ihn letztenendes ruinierten, lockten keinen
Kunden zurück in seinen Laden. "Torfmann macht dicht", hieß es
eines Morgens. "Das tut mir leid für ihn", sagte Constance
mit ehrlichem Bedauern. Und als dann eine Stunde später der
sorgenfaltige Konkurrent bei ihr eintrat, hatte sie Tränen an den
Wimpern. Torfmann kam gleich zur Sache: "Ich mach ihnen eenen
Vorschlag", sächselte er heiser. "Wir duun uns zusammn. Sie lesen
un ich verkoof." Ringsum riß man Augen und Ohren auf. "Das
Geschäft geht halbe-halbe." Wieder glomm es in Constances Augen,
die rasch erfaßte: "Nein, zwei Drittel zu einem Drittel. Pleite
sind sie jetzt schon." Torfmanns Kopf sank herunter. Was blieb
ihm übrig?

Die beiden Läden wurden mit einem Durchbruch verbunden.
Constances Laden erhielt den Charakter eines Literatur-Kaffees.
Wer dort eintrat, brauchte nur durch die Verbindunsgtür in den
Laden zu wechseln, um seine Einkäufe zu erledigen. Und das ging
prächtig. Constances Literatur-Kaffee wurde über die Stadtgrenze
hinaus bekannt. Ausflügler und Schulklassen pflegten dorthin zu
pilgern.

Und wann sieht man dich dort?

(c) HE 18. März 2005

 



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